Welche Fortschritte machte Österreich bei der Bekämpfung der Tabakepidemie?
  1993 stellte der Arzt Dr. Außerwinkler auf einer WHO-Konferenz in Wien das österreichische Tabakgesetz vor. Haben wir seither Fortschritte gemacht?

Leodolter (1972-79) schuf wichtige Einrichtungen der Vorsorgemedizin, aber nur eine Raucherfibel. Salcher (1979-81) und Steyrer (1981-85) bemühten sich um Umwelt- und Arbeitsmedizin, aber ohne etwas gegen Passivrauchen zu unternehmen. Kreuzer (1985-87), Löschnak (1987-89) und Ettl (1989-92) waren mit anderen Dingen beschäftigt. Erst 1992 lud das Gesundheitsministerium (gemeinsam mit der Ärzteinitiative) Experten aus Norwegen (Bjartveit) und USA (Zetterlund) zu einer Enquete über Tabakpolitik. Ein Jahr später war Wien Gastgeber einer WHO-Konferenz, auf der die Finanzierung der Tabakprävention aus Mitteln der Tabaksteuer empfohlen wurde. (Der australische Bundesstaat Victoria konnte damals schon die Erfolge eines Gesundheitsvorsorgeprogrammes präsentieren, das ein emigrierter Österreicher dort mit seinem Team mittels eines 5%-Aufschlags auf die Tabaksteuer realisiert hatte. Das Gesundheitsressort dieses Landes hatte nach dem Tabakwerbeverbot schon 1983 das gesamte Sportsponsoring erfolgreich übernommen).
In Österreich konnte Außerwinkler (1992-94) sein Tabakgesetz (in abgemagerter Form) gerade noch durchbringen, wurde dafür aber abgesetzt. Unter Krammer (1994-97) wurde das Gesetz am Weltnichtrauchertag 1995 zwar endlich beschlossen, aber die Reform kam zum Stillstand und erlebte unter Hostasch (1997-2000) sogar einen Rückschritt. Die österreichische Politik folgte unter Hostasch, Sickl, Haupt (2000-3) und Rauch-Kallat (2003-7) nur widerwillig den Direktiven der EU, die es in Kooperation mit Deutschland und den Tabakkonzernen nicht verhindern konnte. Während Norwegen die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle schon am 16.6.03 ratifizierte und am 16.12.04 sogar auch Deutschland, konnte sich Österreich erst am 9.6.05 zu einer Ratifikation entschließen, die am 15.9.05 rechtskräftig aber bisher nicht umgesetzt wurde. Maßgebliche Politiker hoffen noch immer, die Kooperation mit Tabakindustrie und -handel einfach fortsetzen zu können. Schon 2005 hatten nur wenige Länder eine noch schlechtere Tabakpolitik gemacht als Österreich. Da sich 2006 auch Luxemburg zu einer Gesetzesänderung entschlossen hat, wurde Österreich 2007 zum Schlusslicht in Europa! An diesem Zustand hat sich bis 2010 kaum etwas geändert.
Rauch-Kallat musste zwar die EU-Direktiven umsetzen, die uns ab 2005 bzw. 2007 endlich strengere Werbeverbote brachten und schuf die gesetzliche Grundlage für rauchfreie Schulen, aber mehr ließ die Tabaklobby nicht zu, sodass Österreich im Vergleich zu den Fortschritten in Italien, in Nord- und Westeuropa, in Nordamerika, Australien, Neuseeland, etc. weit zurückblieb. Das zeigt z.B. ein Vergleich mit Massachusetts, das (bei kleinerer Bevölkerung als Österreich) allein im Jahr 2000 Gesundheitskosten von 85 Millionen Dollar und pro Jahr doppelt so viel einsparte, als sein Tabakkontrollprogramm kostete. Der Zigarettenverbrauch sank dort seit 1992 um rund 40%, die Raucherrate bei Erwachsenen nahm 1993-2000 um 18% und bei Jugendlichen in 6 Jahren um 27% ab. Rauchen in der Schwangerschaft nahm von 1990 bis 1999 um 58% ab und das Passivrauchen an Arbeitsplätzen (einschließlich Gastgewerbe) wurde eingestellt.
Die österreichischen Finanzminister haben bisher keinen einzigen Cent aus Mitteln der Tabaksteuer für die Tabakprävention bereitgestellt,  die Raucherraten bei Kindern und Jugendlichen stiegen dramatisch, der Bonus des Mutter-Kindpasses (von Leodolter eingeführt als Motivation zur Gesundheitsvorsorge) wurde von Bartenstein drastisch reduziert und beim Passivrauchen wurden faule Kompromisse geschlossen, die scheinbar dem Gastgewerbe, aber tatsächlich nur der Tabakindustrie halfen. Dem Arbeits- und Wirtschaftsminister Bartenstein war der Gesundheitsschutz im Gastgewerbe gleichgültig. Diese Entwicklungen blieben in internationalen Fachzeitschriftennicht unbemerkt und schaden Österreich langfristig (z.B. im Fremdenverkehr, aber auch bei diplomatischen Bemühungen innerhalb der EU bzw. der internationalen Staatengemeinschaft). Übrigens können nicht nur bestechliche Politiker zur Ausweitung der Tabakepidemie beitragen, sondern auch ahnungslose. Zu letzteren zählen häufig Raucher, die "Raucherinteressen" zu verteidigen vorgeben, um ihre eigene Schwäche aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Die internationalen Tabakkonzerne spielen seit Jahrzehnten virtuos auf diesem Klavier und machen Politiker zu ihren Marionetten. Sie spannen auch Medien vor ihren Karren, die für eine höhere Auflage oder Einschaltquote extreme Standpunkte zu Wort kommen lassen und gescheiterte Existenzen, die sich als Journalisten an der etablierten Wissenschaft rächen möchten.
Während in vielen Ländern der westlichen Welt nachgewiesen wurde, dass Tabakgesetze wirken, versagte Österreich mit seinem halbherzigen und schlecht implementierten Gesetzesnovellen. Täglich sterben durchschnittlich zwei bis drei Österreicher an den Folgen des Passivrauchens. Hauptverantwortlich dafür war jahrelang Gesundheitsministerin Rauch-Kallat und danach Dr. Kdolsky, die sich als gewissenlose Ärztin von der Wirtschaftskammer noch stärker gängeln ließ. Unter diesem -von der Tabakindustrie dominierten- Einfluss versuchte diese Gesundheitsministerin, die Lüftungslüge wieder ins Tabakgesetz zu bringen, die schon 2001 aus dem §30 ASchG mit der Begründung gestrichen wurde, dass nur ein Rauchverbot Schäden durch Passivrauchen verhindern kann. Dabei wollte sie MAK-Werte als Maßstab heranziehen, die zum Schutz der Allgemeinbevölkerung in Gaststätten völlig ungeeignet und für Karzinogene auch am Arbeitsplatz nicht anwendbar sind. Die wenigen Verbesserungen im Tabakgesetz 2008 musste ihr der Koalitionspartner mühsam abringen. Während 2008 in Deutschland Außerwinklers Pionierleistung gewürdigt wurde, verweigerte Kdolsky den Angestellten in Gaststätten unter 50-80m² einen Schutz vor giftigen und krebsfördernden Stoffen.
Ein vergleichbarer Rückschritt wie von Außerwinkler zu Kdolsky war in Europa nur in der Tschechischen Republik zu beobachten, die als letzte von allen EU-Staaten das WHO-Rahmenübereinkommen (mit Vorbehalt) ratifizierte. Vaclav Havel sagte weise: "Politik ist die Kunst, möglich zu machen, was erforderlich ist". (Dagegen leugnete Vaclav Klaus sogar die Notwendigkeit von Maßnahmen gegen die Erderwärmung).
Gesundheitsminister Stöger hatte verabsäumt, sich von Experten beraten zu lassen, ließ sich einreden, die legistische Missgeburt, die Kdolsky beim Tabakgesetz hinterlassen hatte, langwierig zu "evaluieren" um dann eine manipulierte Umfrage zu präsentieren, die Zufriedenheit vortäuscht, weil er zu feig war, das Gesetz zu novellieren. Unabhängige Umfragen und objektive Messungen haben die Misere nachgewiesen. Gesundheitsministerin Oberhauser handelte aber schließlich mit dem Koalitionspartner 2015 eine Novelle zum Tabakgesetz aus, die eine rauchfreie Gastronomie ab Mai 2018 vorsieht.