Subject: Von Herrn Dr. Pr. Yves Martinet (Frankreich)
From: "Nicolas Villain"
Date: Fri, 11 Apr 2008 18:19:08 +0200
To: "'MARTINET Yves'"
CC: , "'Manfred Neuberger'" , "'Emmanuelle Beguinot'" , "'VENDEMINI Serge'" , "'Serge Vendemini'"

 

 

 

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Kdolsky,

 

 

Als Präsident der Arbeitsgruppe, die für die Vorbereitung, Umsetzung und Auswertung der Massnahme für den Schutz der Personen vor den gesundheitlichen Risiken des Passivrauchens in öffentlichen und Arbeitstellen in Frankreich zuständig ist, erlaube ich mich Ihnen hiermit zu schreiben.

 

Unsere Arbeitsgruppe besteht u.a. aus den representativen Berufsorganisationen der Horeca und der Gesundheit (S.u.) und handelt im Auftrag des französischen Gesundheitsministeriums.

 

 

Mir ist bekannt, dass sich die Republik Österreich gegenwärtig mit dieser wichtigen Frage beschäftigt. Da Österreich sowie Frankreich den Artikel 8 des WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauches ratifiziert hat, der besagt, dass “wissenschaftliche Untersuchungen eideutig bewiesen haben, dass Passivrauchen Tod, Krankheit und Invalidität verursacht”, möchte ich Ihnen hiermit, drei Monate nach der Einführung des absoluten Rauchverbotes in allen Arbeits- und öffentlichen Stellen inkl. Horeca am 1. Januar 2008, einige unserer ersten wesentlichen Ergebnisse kurz mitteilen. Diese wurden von uns auch innerhalb einer gemeinsamen Pressekonferenz am 1. April 2008 vorgestellt.

 

Diese Hauptergebnisse sind:

 

 

Zu den gesundheitlichen Aspekte:

 

Ein Absinken um 15% der Anzahl der Herzinfakte im Zeitraum Januar + Februar 2008 im Vergleich zur selben Zeitspanne in 2007 wurde festgestellt. Diese Abfallstendenz ist allerdings in den kommenden Wochen und Monaten zu bestätigen. Dennoch ist sie mit ähnlichen Beobachtungen in der Region von Turin und in Rom (- 11%), Irland (- 14,5%) und Schotland (- 17%) konsistent. Bestätigt sich der Trend, sollte die Anzahl der Herzinfakte in Frankreich im Jahr 2008 im Vergleich zu 2007 um ca. 10.000 Ereignisse fallen. Der Artikel von Herrn Dr. Pr. Daniel Thomas (01.04.2008.) (anbei an 1. Position) (sowie die Seiten 5 und 7 des Horeca-Branchenführers “Sortez du brouillard !” (“Raus aus dem Nebel!”) aus Dezember 2007 (anbei an 2. Stelle)) liefert Erläuterungen hiezu.

 

 

Zu den wirtschafltichen Aspekte, spezifisch den Teil “Cafés und Gaststätte” des Horeca-Bereiches betreffend:

 

(S. Dokumente von Herrn Dr. Pr. Serge Vendemini, Wirtschaftsexperte für das Institut für die Entwicklung der Cafés und Gaststätte (Institut pour le développement des cafés et cafés – brasseries (IDCCB)), jeweils an 3. und 4. Pos. anbei.)

Ein leichtes Absinken um 3 bis 4% des Umsatzes der Cafés und Gaststätte in Januar und Februar 2008 (im Vergleich zur selben Zeitspanne in 2007), das tatsächlich auf das Inkrafttreten des absoluten Rauchverbots zurückzuführen ist, wurde festgestellt. Hinzu kommt ein weiteres, zusätzliches Absinken in dieser Zeitspanne, und zwar um 3 bis 5%, das seinerseits auf die allgemein schlechte Konjunktur (Absinken der Kaufkraft) zurückzuführen ist. Die beiden Effekte summieren sich ungünstigerweise auf - 6% bis - 9% (S. Erläuterungen und Begründungen anbei).

Dennoch: Cafés und Gaststätte, die ein dynamisches, differenziertes, qualitatives und diversifiziertes Angebot aufweisen (z.B.: breite, qualitative und originelle Getränkekarte, Angebot von Speisen (und dieses möglichst zeitgenössisch und gesund getan), originelle Animationen,…), nutzen die Reform auch von der ökonomischen Perspektive unmittelbar positiv aus (allerdings nicht in allen Fällen ganz im ausreichenden Masse, um alle negativen Effekte der derzeitigen allgemein schlechten Konjunktur vollständig zu löschen).

Cafés, die ein enges, wenig qualitatives, wenig differenziertes und preislich nicht angepasstes Angebot aufweisen und die ggf. überhaupt keine Speisen anbieten,…, leiden hingegen geschäftlich oft sowohl an dem Effekt des Inkrafttretens der Reform als auch an der schlechten Konjunktur (sowie an der Schwäche ihrer Initiative).

Es wird erwartet, dass der insgesamt gemässigte, teilweise negative wirtschaftliche Effekt, der auf das Inkrafttreten des absoluten Rauchverbots am 01.01.2008 zurückzuführen ist (S.o.), in den kommenden Wochen ganz verschwindet. Die Effekte der allgemein schlechten Konjunktur sollten dennoch leider bestehen.

Eine Lehre aus der französischen Erfahrung könnte sein: Ein gesetzlicher Rahmen mit absolutem Rauchverbot stellt auch unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt eine unmittelbar gute Bedingung dar (in der Relation, da derzeitiger Kontext = allgemein schlechte Konjunktur…), soweit sich die Lokale, auch angebotsmässig,…, vorbereiten (S. oben: Cafés und Gaststätte, die ein dynamisches, differenziertes, qualitatives und diversifiziertes Angebot aufweisen, nutzen die Reform auch geschäftlich unmittelbar positiv aus). Deshalb könnte eine zeitige fachliche Kommunikation, die nicht nur gründliche, gesundheitliche und juristische Informationen (äusserst wichtig), sondern auch vertiefte geschäftspolitische Verkaufsaspekte eingliedert, empfehlenswert sein.

 

Innerhalb des Horeca-Bereiches wurde der Unterbereich Restaurants im Gegensatz zum Unterbereich “Cafés und Gaststätte” (S.o.) soweit noch nicht im Detail analysiert. Dass sich die Analyse soweit auf die Cafés und Gaststätte konzentriert hat, lässt sich dadurch erklären, dass in Frankreich schon seit mehreren Monaten, und zwar vor dem 01.01.2008, der generelle Konsens herrschte, der absolute Rauchverbot sei für die Restaurants auf alle Fälle eine erfreuliche Nachricht, sowohl für den Schutz der Gesundheit der Personen (Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Kunden) und die juristische Sicherheit der Arbeitgeber natürlich, als auch für die ökonomische Entwicklung des Sektors und selbstverständlich die Qualität der Gastronomie. Erste, allerdings beschränkte Zahlen, tendieren soweit, dieses zu bestätigen.

 

 

Zu den ersten gesundheitlichen und ökonomischen Ergebnisse finden Sie bitte anbei an 5. Stelle ebenfalls einen Artikel des 2.04.2008 aus der Tageszeitung für Wirtschaft “Les Échos”.

 

 

Zum Schluss kurz zu zwei in den vergangenen Jahren in Frankreich häufig diskutierten Punkte:

 

- Zum Vorschlag « Halbe-Halbe » (« getrennte » Bereiche,…): Die Erfahrungen der damaligen französischen Verordnung von 1992 sowie auch des relativ neuen spanischen Gesetzes,…, zeigen, dass solche “Halbe-Halbe”-Vorrichtungen Personen am Arbeitsplatz nicht schützen (Z.B. in der Gastronomie: Kellner müssen sich überall in einem Lokal bewegen (können),…), Kunden auch nicht schützen (Rauch ’’bewegt’’ sich ebenfalls überall in einem Lokal,…), Unklarheiten (“Wo genau darf man rauchen, wo nicht?”,…) und Wettbewerbsverzerrungen schaffen (“Meine rauchenden Kunden werde ich bestimmt verlieren, wenn ich in meinem Lokal das Rauchen verbiete und mein Nachbar tut es nicht…?!”).

 

- Zum Argument “Unternehmensfreiheit”: Laut der internationalen Arbeitskonvention von 1974 sowie einer europäischen Direktive von 1989 wird der “Unternehmensfreiheit” insoweit (u.a.) eine Grenze gesetzt, als Arbeitnehmer einem vermeidbaren Risiko, das ihre Gesundheit bzw. Sicherheit bedroht, nicht ausgesetzt werden dürfen. (Es wird davon ausgegangen, dass Passivrauchen ein vermeidbares Risiko darstellt, da es möglich ist, nicht zu rauchen (oder nach draussen zu gehen, um zu rauchen)).

Dieses Argument, was das Publikum betrifft, mag schwächer, dennoch auch nicht unfundiert sein. - Hat ein Unternehmer die “Freiheit”, ein Lokal mit Asbest zu bauen, und Arbeitnehmer - und gar Publikum - aufzunehmen, selbst wenn er diese darüber informiert, dass sie dem Asbest ausgesetzt sind…? –

 

 

Ich stehe Ihnen jederzeit für Fragen und allfällige Erläuterungen zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüssen,

 

 

Dr. Pr. Yves Martinet

Präsident der Arbeitsgruppe « Rauchverbot »

Tel. + 33 1 55 78 85 10

y.martinet@chu-nancy.fr

 

Groupe de travail projet « Lieux de travail, lieux accueillant du public sans tabac » confié par la Direction générale de la santé

avec la participation de l’Institut national du cancer (INCa)

et de l’Institut national de prévention et d’éducation pour la santé (INPES)

 

Comité national contre le tabagisme (CNCT), organisation de coordination

119 r. des Pyrénées – 75020 Paris – T. 01/ 55788510 – F. 01/ 55788511

 

Institut pour le développement des cafés et cafés – brasseries (IDCCB)
Syndicat national de l’alimentation et de la restauration rapide (SNARR)
Syndicat national des discothèques et lieux de loisirs (SNDLL)
Syndicat national des hôteliers, restaurateurs, cafetiers et traiteurs (Synhorcat)
Syndicat national de la restauration publique organisée (SNRPO)
Syndicat national de la restauration thématique des chaînes (SNRTC)
Union des métiers et des industries de l’hôtellerie (UMIH)