Zigarettenstummel in Wien, Österreich, der EU und weltweit

Allein in Wien werden täglich über 2 Millionen Stummel auf Straßen geworfen, dort durch Autos zerrieben und mit dem Straßenstaub wieder eingeatmet, gelangen in Form von metallhältigen Nanopartikeln bis tief in die Lunge, oder mit ihren Giften in Böden, Pflanzen, Grundwasser und über Flüsse ins Meer, wo das Zelluloseacetat, das zu Mikroplastik zerfällt, über Jahrzehnte persistiert und heute schon in vielen Meerestieren und Seevögeln nachweisbar ist. Raucher, die sich angewöhnt haben, Stummel auf den Boden zu werfen, werfen oft auch die Verpackung hinterdrein. Je mehr schon am Boden liegt, desto niedriger wird für viele die Hemmschwelle, noch etwas dazuzuwerfen. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien im Auftrag der MA 48 hat ergeben, dass rund 868 Millionen Stück Zigarettenstummel pro Jahr in Wien auf dem Boden landen: Die Raucher werfen 65 Prozent der im Freien gerauchten Zigaretten weg, dazu kommen 42 Prozent der im Auto gerauchten Zigaretten, die einfach aus dem Fenster "fliegen". Aneinander gereiht ergeben die in Wien im Jahr weggeworfenen Zigarettenstummel eine Strecke von 29.665 Kilometer und bringen mehr als 300 Tonnen auf die Waage!
Durch herumliegende Zigarettenstummel fühlen sich zwei Drittel der Nichtraucher und immerhin 40 Prozent der Raucher gestört. In Wien mussten 2019 WasteWatcher 7.196 Strafmandate a 50,- € für weggeworfene Zigaretten ausstellen. Dazu kamen 560 Anzeigen (höhere Strafen) und 998 Ermahnungen.  

Die MA 48 hat Papierkörbe bei Stationen von öffentlichen Verkehrsmitteln mit "Zigarettenrohren" ausgestattet. Zusätzlich ließ sie Taschenaschenbecher produzieren, die sie gratis an Raucher abgibt. So erfreulich diese Maßnahmen zur Vermeidung von Giftmüll auf der Straße sind, hätte dabei die Zusammenarbeit mit Japan Tobacco International vermieden werden sollen: Die Tabakindustrie erinnert jetzt die Raucher an jeder Haltestelle mit einer überdimensionalen Zigarette, sich eine Zigarette anzuzünden, bevor die Straßenbahn kommt. Die wird dann hastig in das Rohr geworfen und glost dort in Atemhöhe weiter. Eine wesentlich bessere Maßnahme -im gesundheitlichen Interesse der gesamten Bevölkerung ist (einschließlich der Raucher)- wäre eine Reduktion der Raucherzahl durch Hilfe beim Ausstieg und besserem Jugendschutz vor den Verführungskünsten der Tabakindustrie. Aber Aktionen wie die von Philip Morris in Wien sind Alibihandlungen des Verursachers  mit dem Zweck, die Weste reinzuwaschen, das Image aufzupolieren und Daten über Nutzer zu sammeln.

Ein UBA-Bericht beschreibt Littering in Österreich und auf Seite 137-141 Zigarettenstummel. Ein Sonderheft von Tobacco Control berichtet über Gefahren, die von Zigarettenstummeln ausgehen. Sie verschmutzen auch unsere Strände (Seite 25), müssen dort mühsam oder mit Robotern eingesammelt werden und können vor allem Kleinkindern gefährlich werden. In der EU wird seit 3.7.21 vor langlebigem Mikroplastik aus Zigarettenfiltern gewarnt und es wurde die Einführung eines Pfandsystems gefordert, das auch eine Wiederverwertung (z.B. in Asphalt, Ziegeln, als Korrosionshemmer, etc.) ermöglichen könnte. Doch Recycling birgt die Gefahr einer Kontamination von Folgeprodukten und manche Raucher könnten sich nach Bezahlung eines Pfandes berechtigt sehen, die Umwelt weiter zu verschmutzen, was ein kostendeckendes Sammeln von Stummeln für Recycling verunmöglicht. Deshalb ist wahrscheinlich die Aufklärung einsichtiger Raucher und konsequente Bestrafung uneinsichtige Raucher für Littering zielführender.

Eine EU-Richtlinie schrieb 2019 die Kennzeichnung von Einweg-Plastik auch für Zigarettenfilter vor und die Durchführungsverordnung gilt seit 3.7.21, aber Österreichs Trafikanten verkaufen noch immer "Lagerbestände" ohne diese Kennzeichnung auf der Zigarettenpackung.


Es wurde auch schon überlegt, Zigarettenfilter ganz zu verbieten: The cellulose acetate filter is simply a marketing tool that has no health benefit (Curtis et al. Tob Control 2017; 26: 113-7).
Filters are the deadliest fraud in the history of human civilization. They are put on cigarettes to save on the cost of tobacco and to fool people (Schalkwyk & Novotny. BMJ 2019;367: l5890)